Kochbuch-Rezension
von (01. Juni 2018)

Gedichte & Gerichte

Das Kochbuch

Als ich Esther Bejarano im Juni bei ihrer Buchvorstellung kennenlerne, übersehe ich sie zunächst fast. In einem überdimensioniert wirkenden Stuhl wirkt die zierliche Figur der 93-jährigen noch zarter, doch beim Blick in ihr Gesicht spürt man, wieviel Kraft in ihr steckt. Sie sitzt sie am Tisch, unterhält sich vergnügt mit den Besuchern und lacht viel. Und kann sich zu Recht freuen: über ein schönes Buch, das ihre Biografie, ihre Kultur und Religion mit der jüdischen Esskultur und deren Rezepten verbindet. Ein beindruckendes, ganz und gar nicht gewöhnliches (Koch)buch.

Das Thema

Familie, Freundinnen und Freunde, Wegbegleiter, die ihr zur Seite standen. Für sie hat Esther Bejarano über die Jahrzehnte hinweg Gedichte geschrieben. Mal als Dank, mal als kleines Geschenk. Mal sind es Freunde wie der Schauspieler Rolf Becker, mal bereits verstorbene Antifaschisten, die gegen Faschismus und Antisemitismus gekämpft haben.
„Eigentlich hatte ich nicht die Idee, aus den Gedichten ein Buch zu machen. Aber meine Tochter hat mich davon überzeugt. Und dann dachte ich mir: na gut, gar nicht so schlecht die Idee.“ Also hat Bejarano davon ihrem Freund Karlz-Heinz Dellwo erzählt, der noch die Idee hatte, die Rezepte zu ergänzen. Fertig war die Idee zu „Gedichte und Gerichte“.

Die Autorin

Esther Bejarano wurde 1924 in Saarlouis geboren. Sie hat das KZ Auschwitz-Birkenau überlebt. Sie engagiert sich mit großem Einsatz für das Gedenken an den Holocaust, u.a. in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und im internationalen Ausschwitz-Komitee. Zusammen mit der Band Microphone Mafia tritt sie bei Konzerten auf, rappt und singt. Ja, richtig gelesen.

Der Aufbau

Zu jeder Person, die Bejarano mit einem Gedicht bedacht hat, gibt es eine Biografie, ein Gesprächsprotokoll, in dem Bejarano die gemeinsame Verbindung erklärt, sowie das Gedicht mit Datum und Anlass.
Danach folgen die Rezepte und ein Nachtrag vom Verleger Karlz-Heinz Dellwo, der Bejaranos aufgeschlossene und unerschrockene Persönlichkeit wunderbar beschreibt: eine Ballonfahrt, von der ihr viele Freunde dringend abgeraten hatten, von der sie sich aber nicht abbringen ließ und am Ende glücklich und vergnügt aus dem Korb krabbelte (damit die anderen sie nicht über die Wand hieven mussten. Lesenswert!

Die Rezepte

Die Rezepte sind eine kleine Auswahl aus der kulinarischen Welt des Judentums. Auch wenn es nur wenige Rezepte sind, bekommt man einen guten Eindruck von der Vielfalt und multikulturellen Seite der jüdischen Küche. Unter anderem mit Paprikaschoten, die mit Quinoa gefüllt sind, dem Traditionsgericht „gefillte Fisch“, Hühnerfrikassee, Auberginensalat, Salzgurken und Knoblauch-Garnelen mit Okraschoten. Letztere gehören zu den drei Rezepten, die Christián Orellanus (Cantina Popular) und Onur Elci (Kitchen Guerilla) in Variation nachempfunden, bzw. Esther Bejarano gewidmet wurden.

Das beste Rezept

Für den Auberginen-Salat werden die Auberginen im Ofen gebacken, bis sie ein Röstaroma entwickelt haben und dann mit Tahin (Sesammus), Paprika und Olivenöl zu einem köstlichen Salat gehackt.

Die Optik

Kompliment an das ganze Team für eine sehr klare, aufgeräumte Struktur und schöne Rezeptbilder.

Das Fazit

Ein bemerkenswertes Buchprojekt (und eine ebenso bemerkenswerte Autorin), das viel mehr ist als die Summe seiner Rezepte.
Da es sich nicht in unser Schema übertragen lässt, verzichten wir auf eine Bewertung und empfehlen es stattdessen einfach allen, die sich für Esther Bejarano, ihre Biografie und Kultur interessieren.

 

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Benjamin Cordes
geschrieben von:
Benjamin Cordes
Benjamin Cordes ist Autor und Experte für Kulinarik. Seine Filme sind im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu sehen, seine Texte u.a. im Magazin Falstaff zu lesen. Er ist Gründer von Kaisergranat.com und Initiator des Deutschen Kochbuchpreises.


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