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von (11. Mai 2026)

Wo Berlin tanzt und tafelt

Wer durch den Hinterhof der Auguststraße in Berlin-Mitte läuft, betritt eine andere Zeit. Kronleuchter, verwitterte Spiegel, knarzendes Parkett und die Erinnerung an unzählige Tanznächte machen Clärchens Ballhaus zu einem der legendärsten Vergnügungsorte der Hauptstadt. Seit mehr als 110 Jahren wird hier getanzt, gefeiert und gegessen. Mit dem Restaurant Luna D'Oro hat das traditionsreiche Ballhaus nun auch gastronomisch ein neues Kapitel aufgeschlagen – zwischen Berliner Klassikern, kulinarischer Nostalgie und modernem Zeitgeist.

Ein Ballhaus überlebt die Geschichte

Eröffnet wurde Clärchens Ballhaus im Jahr 1913 von Fritz und Clara Bühler. Schnell wurde das Tanzlokal im Volksmund nur noch „Clärchens“ genannt – nach seiner resoluten Gastgeberin Clara, die den Betrieb später allein weiterführte. Das Haus überstand zwei Weltkriege, mehrere politische Systeme und selbst die Teilung Deutschlands. Während ringsum Gebäude verschwanden oder modernisiert wurden, blieb das Ballhaus ein Ort der Berliner Kontinuität.

Besonders der berühmte Spiegelsaal im Obergeschoss wurde zum Symbol dieser Geschichte: bröckelnde Wände, gealterte Spiegel und Patina erzählen dort bis heute von den wilden Zwanzigern, Nachkriegstanzabenden und DDR-Nächten. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg fanden hier sogar sogenannte „Witwenbälle“ statt – Veranstaltungen für Frauen, die im Krieg ihre Männer verloren hatten.

Heute gilt Clärchens Ballhaus als eines der letzten erhaltenen Ballhäuser aus der Zeit um 1900 in Berlin. Auch deshalb wurde der Ort immer wieder Filmkulisse – unter anderem für „Inglourious Basterds“ oder das MTV-Unplugged-Konzert von Max Raabe.

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Die Neuerfindung: Vom Tanzsaal zum Restaurant

Nach mehreren Betreiberwechseln übernahm Kulturunternehmer Yoram Roth das Haus 2018 und ließ es umfassend renovieren. Die größte Veränderung erfolgte 2024: Der historische Tanzsaal im Erdgeschoss wurde zum Restaurant Luna D’Oro umgebaut. Getanzt wird seither hauptsächlich im Spiegelsaal im Obergeschoss.

Der Name „Luna D’Oro“ ist eine Hommage an die goldene Discokugel des Hauses – und an eine frühere Tänzerin, die unter diesem Künstlernamen im Ballhaus aufgetreten sein soll. Das neue Konzept verbindet nostalgische Berliner Atmosphäre mit zeitgemäßer Gastronomie. Bühnenbildner Uli Hanisch, bekannt unter anderem durch „Babylon Berlin“, gestaltete das Interieur zwischen verblasstem Glamour und opulentem Retro-Design.

Deutsche Küche mit Erinnerungswert

Kulinarisch versteht sich das Luna D’Oro als Liebeserklärung an die traditionelle deutsche Küche. Auf der Karte stehen Klassiker wie Königsberger Klopse, Schnitzel, Scholle „Müllerin Art“, Wurstgerichte oder Wackelpudding mit Vanillesoße – Gerichte, die viele Gäste an Familienfeiern und Berliner Gasthäuser vergangener Jahrzehnte erinnern.

Dabei geht es jedoch nicht um bloße Retro-Küche. Die Gerichte werden handwerklich präzise und mit hochwertigen regionalen Zutaten umgesetzt. Das Restaurant kombiniert traditionelle Rezepte mit moderner Küchenästhetik und einem spielerischen Umgang mit deutscher Esskultur.

Im Sommer ergänzt ein Biergarten das gastronomische Angebot. Dort werden Kaffee, Kuchen, kleine Speisen und Drinks serviert – mitten im historischen Innenhof des Ballhauses.

Wer kocht im Luna D’Oro?

Verantwortlich für die Küche ist Executive Chef Tobias Beck. Beck arbeitete zuvor unter anderem in Argentinien, Japan, Mexiko und Dänemark und machte sich zuletzt mit seinem Berliner Feuerküchen-Konzept „Ember“ einen Namen. Im Clärchens widmet er sich nun bewusst der deutschen Traditionsküche.

Unterstützt wird er von Küchenchef Paul Gerber. Gemeinsam interpretieren sie klassische deutsche Gerichte neu, ohne deren Charakter zu verlieren. Kritiker loben besonders die Verbindung aus Bodenständigkeit, handwerklicher Präzision und nostalgischem Charme.

Eine zentrale Figur des Hauses ist außerdem General Managerin Claudia Steinbauer. In der Berliner Gastroszene gilt sie als erfahrene Gastgeberin mit Stationen im Borchardt, Grill Royal und Hotel Adlon. Im Clärchens wird sie häufig als „die Seele des Hauses“ beschrieben.

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Das Menü: von Mettigel bis Wackelpudding

Wir waren im Luna D ´ Oro essen und hatten einen fabelhaften Abend. Dies ist das Menü in Bildern:

 

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Die Vorspeisen: Der legendäre Mett- (bzw. Tatar-Igel), frittierte Austernpilze mit Dill-Mayo und Erbsencreme mit gezupftem Eisbein und Bärlauch.

 

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Zum Hauptgang: Spinatknödel mit brauner Butter und Königsberger Klopse.

 

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Der Nachtisch: Waldmeister-Wackelpudding mit Vanille-Sauce und Spaghetti-Eis.

Zwischen Swing, Salsa und Berliner Nachtleben

Trotz des neuen Restaurantkonzepts bleibt Clärchens Ballhaus vor allem ein Ort des Tanzes. Mehrmals pro Woche finden im Spiegelsaal Tanzabende und Kurse statt – von Swing über Tango bis Salsa oder Discofox. Dazu kommen Konzerte, Open Stages, Lesungen, Hochzeiten und private Veranstaltungen.

Gerade diese Mischung macht den Reiz des Hauses aus: Touristen treffen auf Berliner Stammgäste, junge Nachtschwärmer auf ältere Tanzpaare. Das Clärchens ist weder Museum noch bloßer Szenetreff – sondern ein Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig existieren.

Ein Stück Berlin bleibt lebendig

Während sich Berlin ständig neu erfindet, wirkt Clärchens Ballhaus wie ein Gegenentwurf zur schnellen Eventkultur. Der Ort lebt von seiner Patina, seiner Geschichte und der Fähigkeit, Erinnerungen wachzurufen. Mit dem Luna D’Oro wurde diese Geschichte nicht konserviert, sondern weitergeschrieben – kulinarisch, kulturell und atmosphärisch.

Wer heute durch den Innenhof tritt, findet deshalb weit mehr als ein Restaurant oder einen Tanzsaal. Clärchens Ballhaus ist ein lebendiges Stück Berliner Stadtgeschichte – und vielleicht einer der letzten Orte, an denen man die Seele des alten Berlins noch spüren kann.


Benjamin Cordes
geschrieben von:
Benjamin Cordes
Benjamin Cordes ist Autor und Experte für Kulinarik. Seine Filme sind im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu sehen, seine Texte u.a. im Magazin Falstaff zu lesen. Er ist Gründer von Kaisergranat.com und Initiator des Deutschen Kochbuchpreises.

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