Magazin
von (06. Februar 2018)

Dissonanz oder Harmonie?

Nachdem Michael Kempf zuvor u.a. bei Dieter Müller gekocht hatte, kam er 2003 nach Berlin und erkochte dem Facil bereits im ersten Jahr und mit 26 Jahren den ersten Michelin-Stern. 2013 folgte der Zweite. Kempfs Stil ist geprägt von der Abwechslung unterschiedlicher Texturen und der Kombination von Aromen aus aller Welt. Seezunge mit Douglasie, Krabben mit Bergamotte, Ente und Alge: Für Kempf alles kein Problem. Ist das Dissonanz oder Harmonie? Finden wir es heraus!
Schulter vom Linumer Kalb, Moussaka, Whiskey-Gurke und Aubergine
Schulter vom Linumer Kalb, Moussaka, Whiskey-Gurke und Aubergine

Bild
Michael Kempf (© Susanne Plaß)

Das Menü

Bild
Gelbe Bete, Topinambur, Eukalyptus, Sonnenblume und Yuzu

Zum Auftakt des Menüs macht sich bei den Gästen eine Mischung aus Skepsis und leichter Belustigung breit. Der Grund: in dem Fond (aus geklärtem Granny Smith Saft) für den Eukalyptus-„Kavier" hatte Kempf nicht nur die namensgebenden Eukalyptus-Blätter ziehen lassen sondern auch „Fisherman's Friend“ aufgelöst. Wenn auch in nicht vordergründig herausschmeckbarer sondern lediglich homöophatischer Dosis. Aber taugt der Geschmack von Halspastillen für ein Gericht mit Topinambur und roter Beete? Zwar ließen sich beide (als Würfel geschnitten) geschmacklich nur schwer voneinander zu unterscheiden, der Kaviar ergänzte sie aber auf überraschend gute Weise. Das deutlich spannendere an diesem Gang war jedoch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Konsistenzen von knackigen Gemüsewürfeln, einer Creme aus gelber Bete, Safran, gesalzener Butter und Yuzusaft und knusprigen (vergoldeten) Sonnenblumenkernen.

Bild
Filet und Kaviar vom Saibling, Blumenkohl, Tofu und Muskatblüte

Den sanft in Nussbutter zur Perfektion pochierten Saibling hat Kempf auf eine Blumenkohl-Tofu-Creme gebettet, die leichte Sauce basiert auf einem Fond aus (nur dezent zu erahnenden) Räuchertomaten, Muskatblütenöl und Butter. Blumenkohl-Couscous (roher, geriebener Blumenkohl) und Kaviar bringen weitere haptische Abwechslung ins Spiel.

Bild
Brust von der Challans Ente, Kumquat, Kürbis, Blutorangen-Hollandaise

Den ersten Hauptgang dominieren orange Farbtöne. Die Challans-Ente wird begleitet von recht bissfestem Hokkaido-Kürbis (etwas stärker gegart hätte er seinen Geschmack vermutlich besser entfalten können), roh mariniertem Butternut-Kürbis (als Spaghetti geschnitten), kleinen Kumquat-Orangen und einer hervorragenden Blutorangen-Hollandaise mit buttrigem Zitrusaroma. Kempf entschied sich gegen eine Jus, weil deren Geschmack die Ente zu sehr dominieren würde. Eine gute Entscheidung! Die Ente selbst überzeugte mit kräftigem Eigengeschmack und Röstaromen der gebratenen Haut.

Bild
Schulter vom Linumer Kalb, Moussaka, Whiskey-Gurke und Aubergine

Der geschmorten Kalbsschulter stellte Kempf eine kräftige Tomatenmarmelade und eine knackige, mit leichter Whiskey-Note eingelegte Gurke zur Seite. Weitere Begleiter sind die Jus von karamellisierter Aubergine, Sauce Cremolata und roten, mit Ingwer eingelegten Perlzwiebeln. Die verblüffendste Begleitung ist jedoch die Moussaka-Creme. Mit Zucchini, Aubergine, Tomatenmark, Schalotten, Olivenöl, Piment D`Espelette, Meersalz und Ziegenkäse hat Kempf eine perfekte Ilussion deftigen griechischen Ofengerichts geschaffen, die tatsächlich alle Aromen des Originals vereint und dabei aber ganz leicht und samtig daherkommt.

Bild
Java Schokolade, Rote Bete, Petersilien-Eis

Der herausragende Menü-Abschluss von Kempf´s Patissier Thomas Yoshida besteht aus einer Creme von würziger Java-Schokolade, einer Rote Beete-Sphäre (Rote Beete- und Kirschsaft u.a. mit Vanille und Zimt gewürzt und gel-artig gebunden) und als Kontrast einem frisch-säuerlichen Petersilien-Eis auf Joghurt-Basis. Auch das Dessert überzeugt auf ganzer Linie durch seine Harmonien und Kontraste: Die Erdigkeit der roten Beete ergänzt die kräftige Schokolade, das Eis bringt Frische, die unterschiedlichen Texturen von cremig, flüssig, knusprig bis gefroren sorgen für viel Abwechslung bei jedem einzelnen Löffel.
Fazit: Was nach teilweise nach Dissonanz der Aromen klingen mag, vereint Kempf in seinem Menü auf erstaunliche Weise zu Harmonie und Wohlgeschmack.

 

Wer wissen möchte, wie Michael Kempf Menüs wie dieses im „Facil“ entwirft, der kann das in unserem Interview nachlesen.

 

Offenlegung: Ich danke dem Schleswig-Holstein Gourmet Festival für die Einladung.


Benjamin Cordes
geschrieben von:
Benjamin Cordes
Benjamin Cordes ist Autor und Experte für Kulinarik. Seine Filme sind im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu sehen, seine Texte u.a. im Magazin Falstaff zu lesen. Er ist Gründer von Kaisergranat.com und Initiator des Deutschen Kochbuchpreises.

Curry
7,6 / 10
Kochbuch von
28,00 €
Kaum ein Gericht ist internationaler als ein „Curry“. Wobei es das eine Curry natürlich nicht gibt. Denn in jedem (asiatischen) Land gibt es andere Varianten, die so unterschiedlich wie die Länder...
Natürlich Fermentieren
7,2 / 10
34,99 €
Dieses umfangreiche Buch mit fast 300 Seiten zeigt unterschiedliche Arten der Fermentation: Milchsäurefermentation, Getränke (u.a. mit Kombucha und Wasserkefir), Bier, Essig, Milchfermente und...
Wild. Kräuter. Vielfalt
7,2 / 10
32,00 €
Kochbücher mit Wildkräuter-Rezepten gibt es zwar mittlerweile einige, aber dieses ist eine Empfehlung wert. Denn es zeigt spannende Entdeckungen aus der freien Natur von Gundermann und Mädesüß bis...
Rosé
7,5 / 10
Kochbuch von
20,00 €
Rosé hatte viele Jahre einen schweren Stand. Er stand im Ruf, nichts Halbes und nichts Ganzes zu sein. Auch gute Qualität war eher selten. Das hat sich aber geändert und auch deshalb kommt dieses...
Feta
7,2 / 10
24,00 €
Feta – einer der beliebtesten Käse überhaupt. Ein Grund, weshalb er so populär ist: er ist wunderbar vielseitig und ein wichtiger Bestandteil der griechischen Küche. In diesem Kochbuch lernt man...
Pasta Pronto
8,1 / 10
26,00 €
„The Pasta Man“ – diesen Namen muss man sich erstmal verdienen. Mateo Zielonka trägt ihn zurecht. Denn seine Pasta-Kreationen begeistern nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch in seinen...
Bake all day
8,1 / 10
Kochbuch von
30,00 €
Fermentation
7,9 / 10
Kochbuch von
28,00 €
Dieses Fermentationsbuch überzeugt von der ersten Seite an. Es hat ein angenehm handliches Format, ist stringent aufgebaut und überzeugt auch kulinarisch sehr.