Fett, Fleisch, Fastfood
Als Amuse-Gueule mal ein kleiner Auszug dessen, was Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident und einer der mächtigsten Politiker Deutschlands, in der jüngeren Vergangenheit gegessen hat: Spiegelei mit Speck und drei traurigen Scheiben Gurke, Fleisch- und Blutwurst mit Brot („Das schmeckt und macht satt“), Pizza mit geschwärzten Billig-Oliven und immer wieder Wurst und Fleisch in Varianten: Leberkäse, Döner, Chickenwings, eine „türkische Grillplatte“, Grillhendl, zwischendurch wieder Leberkäse, Scholle (paniert). Alles unter dem Hashtag #söderisst auf Instagram mit der Welt geteilt. Ein von Söder als „Bowl“ bezeichnetes Gericht mit Pfifferlingen, Tomaten und Gurken wirkt wie ein gesunder Ausrutscher. Sogar eine Ernährungsexpertin hat sich Söders Essensplan schon angesehen. Ihr Fazit: „Sehr fettig." Söders Ernährung könne langfristig gesundheitliche Folgen haben, etwa Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, einen erhöhten Cholesterinspiegel, Gefäßkrankheiten und Herz-Kreislauf-Probleme.
Essen als Politik
Söder pflegt das Image des bodenständigen Fleischessers. Denn wenn der Bayer etwas isst, ist das selten nur eine Momentaufnahme. Oft steckt dahinter eine Botschaft. Und die ist meistens nicht gerade feinsinnig oder gar kulinarisch gewinnbringend, sondern vor allem eins: populistisch.
Findet auch Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann von der Ludwig-Maximilians-Universität, wie er dem Stern sagte. Von „Gastropopulismus" sei in der Forschung die Rede, wenn Politiker thematisieren, was sie essen. „Ziel ist oftmals die Herstellung von Volksnähe", wird der Experte zitiert. „Deshalb lassen sich gerade Populisten auch gern beim gemeinsamen Essen mit Bürgerinnen und Bürgern ablichten." Söder macht mit Essen Politik. Nur leider nicht im gestalterischen Sinne.
Was ist schon „normal“?
Besonders deutlich wird Söders Kalorien-Kommunikation an diesem Interview mit dem Zeit-Magazin. Es steht exemplarisch dafür, was Söder isst und wie überkommen sein Denken über Ernährung ist.
Gerne gibt sich der bayerische Ministerpräsident in dem Gespräch bürgernah und ganz „normal“. Wie zum Beweis sagt er unter anderem: „Ich esse wie alle normalen Menschen in unserem Land. In Sternelokalen findet man mich eher nicht.“ Und man fragt sich: Gehen in „Sternelokale“ keine normalen Menschen? Wer geht sonst dort hin? Und was daran ist so wichtig, dass er es extra noch betont? Sterneküche – für Söder unnormal. Für ihn ist sie offenbar keine Handwerkskunst, kein wichtiger Wirtschaftszweig und offenbar auch nichts, worauf man in Deutschland „stolz“ sein könne. Ein Begriff, den man in konservativen Kreisen ja sonst gerne betont.
Stattdessen lieber „normal“: „Deshalb habe ich eingeführt, dass es bei großen Staatsessen in Bayern ganz normales Essen gibt. Und viele hochgestellte Persönlichkeiten sind sehr glücklich, wenn sie nicht wieder das übliche kleine Rinderfilet, drei Möhrchen und ein Stück Brokkoli bekommen.“ Eines muss man Söder lassen: Dass er länger nicht in einem Sternerestaurant war, ist glaubwürdig. Sonst wüsste er, dass es dort ziemlich sicher kein „Rinderfilet, drei Möhrchen und ein Stück Brokkoli“ gibt. Ein paar Fragen später beschreibt er die CSU gar wie folgt: „Wir sind die Leberkäs-, nicht die Kaviar-Etage. Wir sind für die ganz normale, hart arbeitende Bevölkerung da.“
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Fast Food statt Wirtshaus
Auch McDonalds stattet der Ministerpräsident gerne einen Besuch ab, natürlich nicht ohne diesen fotografisch mit Burger und Pommes festzuhalten. Sternekoch Christian Bau macht das fassungslos. In seiner Kolumne kritisiert er Söders kulinarisches Banausentum und fragt: „Warum muss sich der bayerische Ministerpräsident, der einem Land mit großer kulinarischer Tradition vorsteht (das mit München und Nürnberg zudem über zwei der spannendsten Gastronomie-Hochburgen Deutschlands verfügt), so peinlich für einen internationalen Großkonzern mit einem faden und weltweit gleichförmigen Speisenangebot Werbung machen? Und das in einer Zeit, in der die heimische Gastronomie mit den Herausforderungen von Inflation und Arbeitskräftemangel zu kämpfen hat?“ Aus Baus Sicht sind Söders öffentlich zur Schau gestellten Essensgewohnheiten „ein Tritt in die Magengrube einer ganzen Branche.“ Bau spricht in seinem Text auch die politische Dimension an: „Wie ganze Regionen durch die gezielte Unterstützung der Politik als touristische Hotspots für Destination-Dining etabliert werden können, haben das Baskenland oder Kopenhagen erfolgreich vorgeführt. In Deutschland gäbe es da beispielsweise in München oder auch bei uns an der Mosel ein riesiges wirtschaftliches Potenzial. Ob man das einem Populisten wie Söder jemals beibringen kann? Ich bezweifele es.“
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Böser Tofu – gutes Fleisch
Vermutlich gibt es kein Lebensmittel, das für Fleischfans besser als Symbol für vermeintliche linksgrüne Ernährungsbevormundung und den vermeintlichen Verlust von „echtem“ und „normalem“ Essen steht als Tofu. Das weiß natürlich auch Markus Söder.
„Leberkäs statt Tofu-Tümelei" versprach der CSU-Chef bei der Vorstellung des künftigen Bundeslandwirtschaftsministers Alois Reiner. Und im Interview mit dem Zeit-Magazin unterstrich er: „Tofu schmeckt einfach furchtbar, im Grunde nach gar nichts.“ Man muss zugeben: Viele Produkte aus dem Handel sind kein überzeugendes Gegenargument. Doch würde man Söder wünschen, mal etwas eintauchen zu können in die chinesische und japanische Esskultur. Aber vielleicht passt der „leise“ Geschmack von Tofu auch einfach nicht zu einem kulinarischen Bulldozer wie ihm.
Zwischendurch weiß Söder im Gespräch mit dem Zeit-Magazin kurz zu überraschen: „Etwas schwierig ist, dass auf Veranstaltungen oft Berge von Fleisch angeboten werden. Das ist manchmal zu viel.“ Eine stringente Argumentation scheint jedoch nicht seine Sache zu sein, denn wenn es darum geht, den politischen Gegner schlecht aussehen zu lassen, zieht er kurz darauf wieder den Fleisch-Joker: „Bei Olaf Scholz war das Essen im Kanzleramt nicht immer nach meinem Geschmack. Oft gab es zum Beispiel eine sehr dünne und fade Gemüsesuppe. Bei Angela Merkel gab es immer tolles und auch deftiges Essen: dicke Fleischpflanzerl, Kotelett, Wiener Würstchen.“
Gebot der Stunde: Weniger Fleisch
Dass es gute und objektive Gründe für weniger Fleisch und eine bessere Tierhaltung gibt – davon lässt sich auch seine Partei CSU nicht irritieren. „Wir halten unser Versprechen: Es gibt keine Steuererhöhung auf Fleisch“, schrieb sie bei Social Media. Und natürlich hat sie auch einen Populismus-Klassiker parat: „Keine Speisepläne nach Ideologie! Jeder soll essen, was er will.“
Christian Rickens, Autor beim Handelsblatt schreibt dazu treffend: „Ich kann mich (.) an keine einzige Gelegenheit erinnern, bei der Özdemir versucht hat, mir ein Tofu-Schnitzel aufzudrängen. Der Einzige, der mich offenbar in Sachen Speisenauswahl bevormunden will, ist Markus Söder.“ Und weiter: „Fängt die Tofu-Tümelei für den bekennenden Fleisch-Fan Söder womöglich bereits an, wenn man sich als zuständiger Minister für bessere Haltungsformen einsetzt? Oder die Klimafolgen des häufigen Fleischkonsums thematisiert? Das wäre dann wirklich eine traurige Rolle rückwärts in die ganz alte Bundesrepublik.“
Der Präsident des Deutschen Tierschutzbunds, Thomas Schröder, erinnerte in der taz daran, dass die Zukunftskommission Landwirtschaft, der sowohl Bauernverband als auch Umweltschützer angehörten, einstimmig beschlossen habe, dass Konsum und Produktion tierischer Lebensmittel sinken müssen. „Das sollte Bundeslandwirtschaftminister Alois Rainer nicht ignorieren. Nur weil sein Parteichef Markus Söder viel Döner isst, muss Döner nicht zur Allgemeinernährung werden."
Essen als Kulturkampf
Essen und Ernährung gehören zu den Themen, die sich sehr passabel für einen Kulturkampf eignen. Gendernde Veganer auf der einen, fleischessende „Normalos“ auf der anderen Seite. Ist Markus Söder Teil dieses Kulturkampfes? Im Interview bestreitet er das noch nicht mal. Schuld seien aber die anderen: „Begonnen wurde der Kulturkampf (.) von der anderen Seite. In manchen Kitas soll quasi kein Fleisch mehr angeboten werden. Eine Kindheit ohne Gelbwurst oder ohne Leberkäse, da fehlt doch was ...“ Von einzelnen „fleischfreien“ Kitas abgesehen, deren freie Entscheidung das ist und bleiben sollte, ist eine fleischarme Ernährung dabei absolut erstrebenswert. Die Ernährungspyramide des Bundeszentrums für Ernährung wurde erst kürzlich angepasst. Fleisch spielt da nur noch eine kleine Rolle. Viel wichtiger: Eine pflanzenbasierte Ernährung mit Getreide und Gemüse. Die DGE bringt es auf den Punkt: „Zu viel Fleisch von Rind, Schwein, Lamm und Ziege und insbesondere Wurst erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Dickdarmkrebs. Die Produktion von Fleisch und Wurstwaren belastet die Umwelt deutlich stärker als die von pflanzlichen Lebensmitteln.“
Jetzt auch noch Insekten!
Natürlich holt Söder auch noch den Vorwurf aus der Tasche, die Grünen würden dazu aufrufen, Insekten zu essen. Wie das Zeit-Magazin im Interview jedoch richtig einwendet: Es war nicht so, dass die Grünen zum Insektenessen aufgerufen haben, sondern die EU hatte einfach nur erlaubt, dass man, wenn man will, Insekten essen und vertreiben darf. Söder lenkt davon aber lieber ab und nimmt die an Einwegflaschen befestigten Deckel als Ablenkungsmanöver: „Die EU gefährdet jeden Tag meine Gesundheit, indem sie die Plastikdeckel an den Flaschen befestigt hat. Jeden Tag hängt mir der Plastikdeckel im Auge, wenn ich meine Cola light trinke.“
Gastrokrise und (k)ein Mittel dagegen
Auch vor Bayern macht das Wirtshaussterben keinen Halt. Darum könnte sich ein Ministerpräsident eigentlich vortrefflich kümmern. Und so fragt das ZEIT-Magazin ihn denn auch, ob es ihn nicht traurig stimme, dass in Deutschland die traditionelle Küche auf dem Rückzug sei, McDonald's dafür Milliardenumsätze mache. Söders Antwort: „Ja, die traditionellen deutschen Restaurants haben es nicht leicht. Deswegen senken wir auch die Mehrwertsteuer in der Gastronomie wieder, damit nicht alles Franchise und Systemgastronomie wird. Wir stehen ganz eng an der Seite unserer Gastronomen.“ Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband schwärmt denn auch in einem seltsam distanzlosen Interview: „Sie haben sich stark dafür eingesetzt und Wort gehalten. Warum liegt Ihnen das Gastgewerbe so am Herzen?“ Antwort Söder: „Die fleißigen Gastronomen und Hoteliers und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich auf die CSU verlassen.“
Verheerendes Echo auf Söders Kulinarik-Klamauk
Spricht man Menschen aus der kulinarischen Welt auf Söders Einlassungen an, erfährt man eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Bedauern, über so viel Einfalt.

Sterneköchin Alina Meissner Bebrout sagt: „Natürlich verstehe ich den Ansatz, als Politiker nahbar und bodenständig zu wirken. Eine gute Leberkässemmel hat durchaus ihre Berechtigung. Aber wenn man die bayerische Küche permanent auf Wurst reduziert, wird es schon etwas einseitig. Was mich dabei umtreibt: Die deutsche Küche hat so viel mehr Potenzial. Wir haben fantastische regionale Produkte - von Spargel über Saibling bis hin zu Pilzen aus der Region. Bei uns wird aus einer einfachen Zwiebel ein Hauptgang, der Gäste begeistert. Das zeigt doch, welche kulinarischen Möglichkeiten wir haben, jenseits der immer gleichen Wurst-Rhetorik. Die moderne deutsche Gastronomie ist vielseitig, kreativ und durchaus auch traditionell verwurzelt - aber sie denkt weiter, im Wirtshaus wie in der Sterneküche.“

Journalist und Kochbuch-Autor Stevan Paul trägt mit seinen Werken zur kulinarischen Bildung bei und berät Gastronominnen und Gastronomen. Ihn empören Söders Äußerungen, auch weil sie typisch für das Verhältnis der deutschen Politik zu Kulinarik und Gastronomie seien: „Diese genussvermeidende Verkniffenheit mir der sich die Politik - bei welchem “Volk“ auch immer genau anbiedern möchte - ist historisch. Dieser scheinheilige „Ich bin einer von Euch“ – Populismus, zwischen McDonalds-Besuch und regionaler Fleischeslust erreicht mit Söder eine neue Qualität der Verachtenswürdigkeit. Das eigentliche Problem daran ist, dass die Regierenden in Deutschland nie begriffen haben, das bewusster Genuss nicht weltfremde Völlerei bedeutet, sondern ein wichtiger Beitrag zu Lebensglück und Gesundheit! Söder irrt, wenn er glaubt, seine Big Mäc- und Fleischberge-Postings in den sozialen Medien seien „nur ein kleiner Teil des Ganzen“ und nicht politisch: Weniges ist politischer als Genuss und Ernährung - mit einer Tragweite, die von der Agrarpolitik über die Gastronomie als Wirtschaftsfaktor und Touristik-Motor reicht, bis hin zu einer präventiv durchdachten, öffentlichen Gesundheit und den perspektivisch damit verbundenen Aufgaben und Ausgaben in Sozialmedizin, Rente und Pflege.“

Journalistin und Kochbuch-Autorin Denise Wachter beschäftigt sich viel mit dem Wandel der Spitzengastronomie. „Als jemand, die beruflich durch Restaurants, Märkte und Küchen wandelt, bin ich fassungslos über Markus Söders kulinarisches Banausentum. Wenn ein Ministerpräsident stolz verkündet, dass man ihn „in Sternelokalen eher nicht" findet und Mirácoli als „beste Spaghetti" preist, dann zeigt das eine erschreckende Ignoranz gegenüber der eigenen Kulturlandschaft. Während Länder wie Frankreich oder Japan ihre Spitzenküche als Kulturgut feiern und damit internationale Ausstrahlung entwickeln, reduziert Söder Sterneküche auf elitäres „Schischi". Bayern hat eine der spannendsten Gastronomieszenen Deutschlands - von innovativen KöchInnen in München bis zu traditionsreichen Wirtshäusern auf dem Land. Doch anstatt diese zu würdigen, posiert der Ministerpräsident lieber vor McDonald's-Schachteln. Gerade in Zeiten, in denen unsere GastronomInnen mit Personalmangel und explodierenden Kosten kämpfen, wäre echte politische Unterstützung nötig - nicht nur Mehrwertsteuersenkungen, sondern Wertschätzung ihrer kulturellen Leistung. Stattdessen feiert Söder Industrienahrung als authentisch bayerisch und macht aus persönlichen Geschmacksdefiziten eine politische Haltung. Das zeigt, wie wenig er vom wirtschaftlichen Potenzial guter Küche versteht. Traurig für ein Land mit so reicher kulinarischer Tradition.“

Spitzenkoch Jens Rittmeyer achtet bei der Herkunft seiner Lebensmittel besonders stark auf eine verantwortungsvolle Erzeugung. Er ist konsterniert: „Was Herr Söder als Spitzenpolitiker kommuniziert, ist so erschreckend wie wenig verwunderlich. Wer in solch einem wichtigen politischen Amt Werbung für die großen Player der Lebensmittelbranche macht, sollte sich nicht wundern, wenn seine Glaubwürdigkeit darunter leidet.
Dass man als Mensch in so exponierter Führungsverantwortung auch ganz einfach speisen kann, ist selbstverständlich. Wie er aber mit seiner Reichweite und seiner Vorbildfunktion umgeht und mit wie wenig Empathie er seine Führungsrolle in kulturellen Fragen ausübt, spricht Bände.
Söder beschreibt einen Kulturkampf von der anderen Seite, schimpft herablassend über Tofu, wozu ihm das nötige Wissen und Erfahrung fehlt und spielt als „Kulturbanause“ den großen Konzernen der Systemgastronomie mit seiner Reichweite auch noch den Ball zu.
Die Mehrwertsteuersenkung auf Speisen ist grundsätzlich eine unterstützenswerte Idee, aber doch bitte nicht für die Fast Food Konzerne dieser Welt! Wer gern die traditionelle Küche seines Heimatlandes wertschätzt und diese miterhalten möchte, könnte dadurch durchaus sein politisches Gewicht einsetzen.
Und wer auf der einen Seite Bewegung in der Schule predigt, könnte sich mit Sicherheit auch für eine gesunde Ernährung oder vielleicht eine „Reanimierung" des Schulfaches Hauswirtschaft stark machen. Man könnte sich für eine zeitgemäße Verpflegung mit reduziertem Fleischeinsatz stark machen oder die Schul-und Kitaverpflegung auf Bio-Produkte umstellen.
Und last but not least: wer nie verstanden hat, wie es zum Beispiel ein anderes Land wie Dänemark geschafft hat, seine Spitzenküche und allgemeine Essenskultur zu stärken und das gewaltige Potenzial in Tourismus und Handel durch eine florierende und sehr diverse Gastronomieszene zu stärken, der muss sich auch nicht wundern, wer man sich am Ende des Tages immer weiter im Kreis dreht.“

Recht zahm reagiert die Gastronomen-Vereinigung Jeunes Restaurateurs Deutschland, die Vereinigung junger Spitzenköchinnen und -köche. JRE-Präsident Oliver Röder sagt: „Moderne Spitzenküche hat heutzutage viel mehr zu bieten als übersichtliche Teller. Die Jeunes Restaurateurs stehen für kreative, zugängliche Konzepte. Viele Mitglieder führen heute vielfältige Formate, von Casual Fine Dining bis zu modernen Wirtshäusern, wie sie gerade in Süddeutschland stark vertreten sind. Hier treffen regionale Wurzeln auf kulinarische Weltläufigkeit. So entstehen Orte, an denen sich alle willkommen fühlen, an denen man staunt, genießt, lacht – und Momente erlebt, die bleiben.“

Journalist Jan Peter Wulf, Betreiber des Gastronomieblogs nomyblog, lenkt den Fokus auf die staatliche Förderung von gesunder Ernährung insgesamt. Das wäre aus seiner Sicht sinnvoller als die Anbiederung an „normale“ Leute: „In einem hellen Moment sprach sich Markus Söder 2023 - vor der Landtagswahl in Bayern - für 0% Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel aus. Ein sehr guter und überdies EU-rechtskonformer Vorschlag, der in Spanien bereits umgesetzt wurde. Das würde Lebensmittelpreise für Verbrauchende im Handel senken und hätte einen direkten Effekt, besonders für den immer größer werdenden Teil (aktuell rund 40%) der Bevölkerung, der am Ende jedes Monats praktisch keine Ersparnisse mehr hat. Nachweislich ist die Konsumquote einkommensschwacher Haushalte besonders hoch, praktisch jeder Cent mehr im Geldbeutel wird reinvestiert. Vielleicht dann für bessere Lebensmittel? Vielleicht werden aus diesen sich sehr selten bis nie ein Restaurant leisten könnenden Menschen so wieder Gäste? Diese Senkung wirkt direkt – im Gegensatz zu den 12% weniger auf Speisen in der Gastronomie, die nicht weitergegeben wurden (Corona) und werden (2026). Übrigens: Für 0% Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel spricht sich neben dem CSU-Chef auch Die Linke aus, welch seltene Einigkeit! Markus Söder ist der Held des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands. Der hat ihm gar ein Portrait in die Staatskanzlei gebracht, das ihn als „Captain Bavaria“ zeigt. Also los, du Held!“
Vorschlag zur Güte: #söderswirtshaustour
Damit dieser Text nicht nur meckert, abschließend noch ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es, wenn Söder bei seinen Reisen durch´s Land grundsätzlich zum Essen nur noch Wirtshäuser ansteuern würde? Dort werden Gastronomie und Genusskultur gelebt, das Preisniveau ist überschaubar und elitär ist hier auch nichts. Das wäre wahre Volks- und Gastronomienähe.
In einer kürzeren Version ist dieser Text auch auf Falstaff.com erschienen.









